Dells Canvas 27 – Touch-Monitor und Stift-Tablet im Maxi-Format

Im Januar diesen Jahres stellte Dell auf der Elektronikmesse CES 2O17 in Las Vegas das Canvas 27 vor: Ein 27-Zoll Touch-Monitor, der sowohl Fingereingaben als auch einen batterielosen, drucksensitiven Stift unterstützt. Außerdem gibt es sogenannte Totems – kapazitive Druck- und Drehregler. Dell hebt auf seiner Webseite die Auszeichnung mit dem „CES 2O17 Innovation Awards“ hervor. Tablets solcher Größe sind rar auf dem Markt – und teuer. In dieser Klasse gibt es eigentlich nur noch das große Cintiq QHD von Wacom und Microsofts Surface Studio – beide deutlich teurer als der Neuling. Inzwischen wird das Canvas auch in Deutschland angeboten – zu einem vergleichsweise günstigen Preis. Entsprechend hoch ist das Interesse kreativer Anwender an diesem Produkt.

Dells Canvas ist nur Windows-Usern vorbehalten. Nur mit dem Windows 10 Anniversary Update (besser: dem Fall Creators Update) kann das Gerät seine Stärken ausspielen. Einige Programme, wie die älteren CS-6-Versionen von Adobe oder auch Krita 3, scheinen für das Canvas nicht mehr – oder noch nicht – fit zu sein. Im Test gab es z.T. seltsame Effekte (zittrige Linien bei langsam gezogenen Strichen, holprige Übergänge bei Änderung der Strichbreite …).
Aktuelle Programme wie Adobes Photoshop CC, Clip Studio Paint, Mischief oder ZBrush funktionierten problemlos (in Photoshop gab es bei größerem Zeichendruck gelegentlich etwas unsaubere Strichkanten). Nach Aussagen von Dell ist eine Liste der kompatiblen Software in Arbeit.

Gardemaß – stattliche Werte

Wie erwähnt, gehört das Canvas 27 zu den größten Tablets am Markt: 27 Zoll IPS Display, QHD-Auflösung (2560 x 1440 Pixel), 100-prozentige Abdeckung des Adobe-RGB-Farbraumes (Dell bietet als Zubehör einen Farbkalibrierer) sowie entspiegeltes Corning Gorilla Glas.
Das Canvas benötigt stolze 44,6 × 79,2 Zentimeter auf dem Tisch, weil neben der aktiven Tablet-Fläche noch ca. 10 cm breite Ränder als Handballenauflage vorhanden sind. Diese sollen verhindern, dass einem beim Zeichnen die Hand ausrutscht. Das macht das Arbeiten sehr viel angenehmer. Das Canvas wiegt 8,4 kg, ist vorne nur etwa 13 Millimeter und hinten 23 Millimeter hoch. Mittels eines Kickstands an der Rückseite kann es ungefähr um 10 Grad angewinkelt werden. Es gibt optional einen Ständer für Winkel von 9 – 85 Grad und eine Vesa-Halterung.
Dell empfiehlt Zweischirmbetrieb, also das Canvas (der Hauptbildschirm) als aktive Arbeitsfläche mit allen Eingabemöglichkeiten auf dem Tisch und einen zweiten, klassisch senkrecht aufgestellten Monitor als Preview. So soll sich Dells Konzept „See and do“ am besten umsetzen lassen – das Canvas als riesige interaktive Arbeitsfläche zum Arbeiten mit (beiden) Händen, Stift und Totem (Bildschirmtastatur, virtuelles Touch-Display und interaktive Paletten eingeschlossen). Der wahre Nutzen des virtuellen Touch-Displays zeigt sich, wenn der Cursor auf einem anderen Bildschirm als dem Canvas bewegt werden soll.
Tastatur oder auch Maus, lassen sich übrigens über USB anschließen, obwohl Dell versucht, durch verschiedene Zusatztools das Arbeiten ohne Tastatur und Maus möglich zu machen. Die Touch-Funktion auf der riesigen Fläche (Dell nennt 20 Druckpunkte für Single- und Multi-Finger-Touch) macht die Bedienung angenehm. Außerdem kann das mitgelieferte Totem mit speziellen Tastenfunktionen belegt werden. Theoretisch sind mehrere Totems einsetzbar – die Eingaben kommen allerdings nicht gleichzeitig.

Keine falschen Vergleiche – Bitte!

Oder kann man Äpfel mit Birnen vergleichen? Vielleicht. Man kann auch die technischen Parameter und einzelnen Eigenschaften verschiedener Grafiktablets gegenüberstellen. Das ist etwa so wie Autoquartett für Kinder.
Natürlich gibt es Ähnlichkeiten, die Geräte sind ja für ähnliche Anforderungen gemacht. Ob die Unterschiede jeweils als Vor- oder Nachteil gesehen werden, sollte individuell entschieden werden. Einerseits unterscheiden sich die Preise der Geräte deutlich, die Bildschirmdiagonale und -auflösung sind beim Surface Studio (28 Zoll Diagonale, 4K Auflösung) noch höher als bei den Geräten von Wacom oder Dell. Surface Studio ist ein Komplett-PC mit Grafiktablet, während Wacom und Dell in dieser Größe reine Stift-Displays anbieten. Dafür gibt es bei diesen Geräten mehr Druckstufen des Stifts. Surface Studio und Dell Canvas besitzen Drehregler (Dial oder Totem – aktiv bzw. passiv), für Wacom gibt es eine optionale, kabellose ExpressKey-Fernbedienung mit 17 Tasten und einem Touch-Ring als Drehregler. Wacom betont, dass sich bis zu fünf solcher ExpressKey Remote Controler mit den bevorzugten kreativen Anwendungen verknüpfen lassen.
Vielleicht interessant für Canvas-Anwender: Sowohl Microsofts Dial als auch die Fernbedienung von Wacom können mit Dells Gerät zusammenarbeiten (bei Verwendung von PCs, die kein Bluetooth unterstützen, kann auf das von Canvas zurückgegriffen werden). Auf YouTube demonstriert ein Anwender die Zusammenarbeit seines Dell Canvas mit der Wacom-Fernbedienung.

Dell Canvas erscheint moderner (setzt auf Windows 10-Features) als das von Wacom. Dafür ist das Wacom kompatibler mit älteren Programmversionen und verschiedenen Betriebssystemen. Zudem steht zumindest bei Wacom demnächst die Einführung neuer Produkte an – der Markt entwickelt sich, Gott sei Dank.

Windows 1O-Radeinstellungen – es gibt Standard-Paletten – für einzelne Anwendungen lassen sich spezielle Einstellungen speichern.
Windows 1O-Radeinstellungen – es gibt Standard-Paletten – für einzelne Anwendungen lassen sich spezielle Einstellungen speichern.

Welche Kriterien bei welchem Gerät wie bewertet werden, hängt stark vom jeweiligen Anwendungsfall (Zeichnen, Malen, Modellieren, Bild- oder Filmbearbeitung) – und natürlich von den jeweiligen persönlichen Voraussetzungen ab. Einige Künstler zeichnen gerne auf winzig kleinen Tablets (wegen der kurzen Wege und schnellen Ergebnisse und wegen des geringen Platzbedarfs solcher Technik) – andere freuen sich über den kreativen Spielraum, den große Zeichenflächen bieten.
Wer mit dem Gedanken spielt, sich ein Gerät dieser Klasse zuzulegen, sollte auf jeden Fall persönlichen Kontakt zu der Technik aufnehmen und sich ein eigenes Gefühl für den Umgang mit so einem Tablet erarbeiten.

Windows-Ink-Funktionen können mit dem Stift ausgelöst werden.
Windows-Ink-Funktionen können mit dem Stift ausgelöst werden.
Die Option „Bei Verwendung des Stifts Toucheingabe ignorieren“ hilft, Fehleingaben zu vermeiden.
Die Option „Bei Verwendung des Stifts Toucheingabe ignorieren“ hilft, Fehleingaben zu vermeiden.

Stift und Totem

Der Stift des Canvas ist vergleichbar mit dem von Wacom (Dell verwendet dieselbe Technik, im Treiberfenster erscheint auch das Wacom-Logo) – allerdings nicht mit dem neuen Pro Pen. Dells Stift ist etwas leichter, hat etwas größere Tasten, aber keinen Radiergummi. Er ist magnetisch: Man kann ihn auf den breiten Rändern neben der Zeichenfläche ablegen, ohne dass er wegrutscht. Die Druckempfindlichkeit liegt bei 2.048 Druckstufen. Außerdem wird bei entsprechender Software der Neigungswinkel ausgewertet.
Im Lieferumfang des Stifts sind insgesamt sieben Spitzen / Schreibfedern enthalten. Eine Harte Spitze ist im Stift eingesetzt. Zusätzlich befinden sich sechs weitere in der Stifthalterung (jeweils zwei harte, mittelharte und weiche).
Der Stifthalter ist nicht magnetisch, sodass er auf dem schräg gestellten Canvas leicht ins Rutschen kommt (früher berichtete Probleme mit rutschenden Totems scheinen inzwischen beseitigt zu sein, trotzdem liegt auch das Totem sehr lose auf, was bei Drehbewegungen, zumindest anfangs, irritieren kann).

Canvas Pen – die Stifteinstellungen zeigen Wacoms Logo. Offensichtlich gibt es noch keine Option, anwendungsspezifische Einstellungen vorzunehmen.
Canvas Pen – die Stifteinstellungen zeigen Wacoms Logo. Offensichtlich gibt es noch keine Option, anwendungsspezifische Einstellungen vorzunehmen.

Das Totem

Ein Totem wird bei Naturvölkern laut Duden als tierisches, pflanzliches Wesen oder Ding gesehen, das als Ahne oder Verwandter besonders eines Klans gilt, das als zauberkräftiger Helfer verehrt wird und das nicht getötet oder verletzt wird. Bei Dell nennt sich das Dreh- oder Drückrad (die Alternative zum Dial von Microsoft Studio) ebenfalls Totem.
Mit diesem Drehregler soll ein neuer Workflow mit Grafiksoftware möglich werden – „See and do“ sieht in Beispielvideos ziemlich cool aus – vergleichbar mit der Funktionsweise beim Surface Studio (anders als dort passiv, benötigt also keine Batterie, dafür aber den direkten Kontakt mit der aktiven Zeichenfläche / Touchpad).
Im Web gibt es Berichte über zwei mitgelieferte Totems (ein großes und ein kleineres). Aktuell liefert Dell nur das große Totem mit. Ein kleineres kann zusätzlich erworben werden. Dieses soll sich eher anfühlen wie ein Regler, z.B. für Lautstärke, Farbwerte o.ä. Mehrfach geschilderte Anfangsprobleme wie unkorrekte die Darstellung eingeblendeter Menüs scheinen inzwischen beseitigt zu sein. Das Totem funktionierte im Test einwandfrei.
Allerdings bedarf es einiger Eingewöhnung für die selbstverständliche Nutzung dieser Technik. Manchmal brauchte das System doch eine gewisse Zeit, um auf das Totem angemessen zu reagieren. Funktionen wie Verschieben, Rotieren oder Skalieren von Zeichenflächen lassen sich dank der gelungenen Touch-Steuerung auch problemlos und schnell über die Touch-Funktion erreichen (in den Voreinstellungen von Windows 10 kann unter „Stift & Windows Ink“ die Option „Bei Verwendung des Stifts Touch-Eingabe ignorieren“ aktiviert werden, das vermindert Fehleingaben beim Zeichnen.
Während bei anderen Produkten über versehentliche Fehleingaben durch unkontrollierte Berührungen des Touch-Bildschirms geklagt wurde, funktionierte diese beim Canvas ausgesprochen komfortabel. Es kam selten zu Fehlfunktionen. Der Gewöhnungsfaktor an den Touch-Betrieb war im Test ziemlich hoch.
Einfacher und schneller konnten Funktionen wie Verschieben, Rotieren oder Skalieren der Zeichenfläche nicht ausgeführt werden. Auch die Nutzung der von Windows
10 eingeblendeten virtuellen Tastatur oder des virtuellen Touchpads gelang ohne Probleme.

Dells Empfehlung eines Zweischirmbetriebes: Auf dem Tisch das Canvas (hier zur Bearbeitung einer Timeline)...
Dells Empfehlung eines Zweischirmbetriebes: Auf dem Tisch das Canvas (hier zur Bearbeitung einer Timeline)…
...dahinter senkrecht ein Monitor als Preview.
…dahinter senkrecht ein Monitor als Preview.

Dells Beigaben

Dell liefert einige Tools (Windows 10 Apps, herunterzuladen im Microsoft Store), um die Nutzung des Canvas zu vereinfachen und zu optimieren:

  • Canvas Connect ist eine Anwendung, die die Einrichtung des Gerätes erleichtern soll und ausgiebig die gesamte Funktionsweise und den empfohlenen Workflow erläutert.
  • Canvas Pen erlaubt Zugriff auf alle Parameter des Stifts (Druckempfindlichkeit, Tastenbelegung etc.).
  • Canvas Layout ist ein Anzeigeverwaltungs-Tool, das aktive Zonen auf allen verfügbaren Displays ermöglicht.
    Z.B. kann eine Anwendung in der Mitte des Bildschirms starten, an den Seiten werden weitere Anwendungen und Inhalte angezeigt. So lässt sich schnell mit den Fingern per Drag- and-drop zwischen Anwendungen navigieren.
  • Fences für Dell Canvas von der Firma Stardock ist ein Desktop-Organisations-Tool. Desktop-Inhalte lassen sich in individuell anpassbaren Bereichen (Fences) arrangieren. So soll der Zugriff auf häufig genutzte Inhalte beschleunigt werden.
  • Canvas Palettes dient der Optimierung der Arbeitsfläche. Es werden gängige Windows-10-Verknüpfungen angezeigt (in 6 Standard-Paletten). Eigene sind möglich, sodass mit einer Berührung darauf zugegriffen werden kann.

Fazit

Das Gerät hinterließ schon auf den ersten Blick einen positiven Eindruck: modernes, kompaktes und dabei stabil wirkendes Design, trotz der gewaltigen Maße noch gut handhabbar. Das Display macht einfach Freude, auch wenn es noch keine 4K darstellen kann – dafür passen Icons und Anwendungen gut sichtbar auf den Bildschirm. Es gab kaum wahrnehmbare Parallaxe (Abstand zwischen Stiftspitze und Cursor) und geringen / üblichen Lag beim Zeichnen (abhängig auch von der Komplexität der Anwendung /  Speicherbedarf usw.).
Als idealen Workflow empfiehlt Dell, das Canvas (als Hauptbildschirm) waagerecht (oder angekippt um 10 Grad) vor dem Anwender liegen zu haben und zusätzlich ein herkömmliches Display senkrecht als Preview zu nutzen.
In den unterstützten Programmen kann dann mit beiden Händen, mit Stift, Totem und Finger gearbeitet werden. Auf eine Tastatur kann bei grafischen Anwendungen weitgehend verzichtet werden. Besonders positiv fiel die Umsetzung der Touch-Funktionen auf. Für ein gutes Gefühl beim Umgang mit dem Totem scheint einige „Eingewöhnung“ notwendig.
Wen die Beschränkungen auf Windows 10 (unbedingt die aktuelle Version nutzen!) und gelegentliche Probleme mit älterer Software nicht stören, für den könnte das Canvas 27 eine (nicht nur preislich) attraktive Alternative darstellen. Wir meinen, es lohnt sich auf jeden Fall, Dells Beitrag zur Tabletwelt aus der Nähe anzuschauen.

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