Noisy Night, Senseless Stuff

Rückblick: In der DP 01 : 2017 entdeckten wir mit dem Animations-Musical „More Stuff“ aus London den wahren Geist der Weihnacht. Aber wie wirkt sich der Brexit auf den animierten Alltag aus?

Dieser Artikel erschien urpsrünglich in der DP 01 : 2017.

Mit seinem Animations-Musical „More Stuff“ brachte Blue Zoo aus London bereits im letzten Jahr den wahren Geist der Weihnacht auf den Punkt. In diesem Jahr reichte das Studio den Kurzfilm beim animago AWARD ein. Hier berichtet Blue Zoo, wie das Projekt mit den singenden und tanzenden Elfen entstand und wie sich der Brexit auf den Studioalltag auswirken könnte.

Das britische Team hat sich auf die Animation von CG-Charakteren für die Bereiche Broadcast, Werbung, VR und mobile Games spezialisiert. Der Name Blue Zoo für das im Jahr 2000 gegründeten Animationsstudios wurde in erster Linie ausgewählt, weil er leicht zu merken ist. Für mehr SEO-Freundlichkeit wurde bewusst auf einen Animationshinweis im Namen verzichtet. Das Gesamtteam besteht aus 120 Artists, wobei der Großteil der Artists an TV-Serien-Projekten arbeitet; rund 15 Leute sind in die Commercial-Aufträge und das VR- und App-Development involviert.

Blue Zoo stellt gerne Leute aus ganz Europa ein, was, nachdem der Brexit durch ist, eventuell zukünftig schwieriger werden könnte. Ob es danach tatsächlich zu Restriktion bei den Besetzungsmöglichkeiten von internationalem Personal kommt, wartet das Team in Ruhe ab. Der gefallene Pfund-Kurs sorgt derzeit zumindest für mehr Aufträge aus Ländern, die nicht zum Vereinigten Kö- nigreich zählen, was das Team als großes Plus sieht.

Das bislang größte Projekt von Blue Zoo, das aktuell abgeschlossen wurde, war die Kinder-TV-Serie „Digby Dragon“. Der Auftrag bestand aus 52 Episoden mit einer Länge von jeweils 11 Minuten. Mit „Digby Dragon“ setzte sich Blue Zoo das Ziel, die Qualität von Animations-Content für die Zielgruppe im Vorschulalter auf eine neue Stufe zu heben. In den letzten fünf Jahren arbeiteten 70 Artists an der Realisierung, einen Eindruck des Ergebnisses gibt es in diesem LaunchClip: vimeo.com/170942089.

Mehr Zeug!

Warum freuen sich Kinder jedes Jahr ganz besonders auf das Weihnachtsfest? Weil es da die meisten Geschenke gibt! Blue Zoo nimmt in „More Stuff“ die kapitalistische Umsetzung des einst christlichen Grundgedankens ironisch aufs Korn.

Das Projekt wurde ins Leben gerufen, als Blue Zoo im Rahmen des hausinternen Kurzfilmprogramms einen Song für ein animiertes Musical in Auftrag gab. Für die Musik von Kinder-TV-Shows arbeitet Blue Zoo schon seit vielen Jahren mit Ben Champion zusammen (www.benchampion.co.uk), der zusätzlich zu seiner Qualifikation als Komponist auch als Musical Comedian arbeitet – für den Job, den Song zu einem animierten Musical zu schreiben, das sich selbst nicht zu ernst nimmt, stellte er also die perfekte Besetzung dar. Ben komponierte und schrieb das Lied „More Stuff“ in nur wenigen Wochen. Danach wurde jeder im Studio eingeladen, eine visuelle Gestaltung für das Lied zu entwickeln und die Regie für die Animation zu übernehmen.

Für die Environments projizierten die Artists Paintings auf 3D-Geometrie.

Kurz vor Schluss

Erst kurz vor dem Ende der Pitching-Phase kamen die Animatoren Simone Giampaolo und Joe Kinch auf die Idee der frechen Elfen-Charakteren, sodass sie dem Team vorab nur ein paar schnelle Entwürfe präsentieren konnten. Nichtsdestotrotz gewannen sie beim studiointernen Voting die meisten Stimmen, danach begannen sie aufgrund des engen Zeitplans direkt mit der eigentlichen Produktion. Der erstellte Animatic wurde ebenfalls in weniger als einer Woche freigegeben, denn in Anbetracht der zeitnahen Dezember-Deadline mussten Entscheidungen zügig getroffen werden.

Der etwas mehr als zwei Minuten lange Film wurde in rund 8 Wochen fertiggestellt, dabei bestand das Kernteam aus 8 Artists. Damit so viele Mitarbeiter wie möglich an der Erfahrung des Projekts teilhaben konnten, erstellten darüber hinaus zahlreiche Artists nur ein 3DModell, animierten einige Shots oder realisierten das Compositing einer Sequenz.

Besondere Elfen

Das Design der Charaktere war für die erfolgreiche Umsetzung des Films entscheidend, denn davon ausgehend mussten alle weiteren Dinge für den Film entwickelt werden.

In der Welt der Animationsfilme existieren bereits unzählige Beispiele für singende Elfen, für „More Stuff“ sollte aber etwas Besonderes kreiert werden. Stereotypische Elfen mit einem hohen Wiedererkennungswert zu gestalten, die gleichzeitig einzigartig sind, bot eine große Herausforderung. Das Team löste diese Problematik, indem sie den Elfen enorm große Augen gaben, die den Animatoren viele Möglichkeiten in der Gestaltung boten und den Charakteren einen frischen Look gaben. Für den gesamten Film wurden drei verschiedene Elfen in ZBrush gemodelt, die danach in Maya importiert wurden. Die Charaktere durchliefen diverse Iterationen, bis der Look dem der 2D-Designs so nah wie möglich kam.

Die enorm großen Augen der Elfen-Charaktere boten den AnimationArtists viele Möglichkeiten in der Gestaltung.

Zackig muss es sein

Der Animationsstil für die Elfen wurde von zwei Meistern der animierten Comedy inspiriert: Tex Avery (Bugs Bunny) und Genndy Tartakovsky (Dexter‘s Laboratory, Hotel Transylvania). Das Ziel des Teams war, die Grenzen der CG-Rigs auszureizen, um die für die traditionelle Animation typischen flüssigen und schmissigen Bewegungen zu erreichen: Dafür nutzte das Team verwischte Frames, übertriebene Verformungen, Squash & Stretch und starke Posen.

Die hohe Flexibilität der Rigs reichte den Animatoren aber noch nicht, sodass sie für größere Deformationsmöglichkeiten noch Lattices hinzufügten. Während des Animationsprozesses griff das Team oft auf das Maya-Plugin TweenMachine zurück (justinsbarrett.com/tweenmachine).

Environments

Die 3D-Environments des Films sollten einen großen Maßstab vermitteln – da die Zeit für das Bauen von aufwendigen 3DAssets aber nicht vorhanden war, projizierten die Artists Environment-Paintings auf 3D-Geometrie. Dabei verwendete das Team viele der Assets wiederholt, im Speziellen die Geschenkestapel und die gekachelten Boden- und Wand-Texturen.

GPU-Rendering

Der Look der Animationen sollte ein reales, greifbares Gefühl vermitteln, das sich traditionell nur durch höhere Renderzeiten erzielen lässt. Dies erlaubte der Zeitplan des Projekts aber nicht, also nutzte Blue Zoo das MayaPlug-in der Render Engine Redshift, um in den Vorteil von GPU-Rendering zu kommen und so die höchstmögliche Qualität bei einer möglichst kurzen Renderzeit zu erzielen. Verglichen mit herkömmlichen CPU-RenderEngines lief Redshift 5 bis 10 Mal schneller. Da man die Renderings so wesentlich zügiger sehen konnte, waren die Artists in der Lage, mehr mit den Shadern zu experimentieren und in einer kurzen Zeitspanne einen hübschen Look hinzubekommen. Abseits von Redshift kamen für das Look Development sowie das Lighting und die Haare die regulären Studio-Tools zum Einsatz.

Scripts und Bugs

Vor Projektstart schrieb das Team Tools, um die Animation- und Rendering-Pipeline zu beschleunigen. Auf diese Weise konnten die Animatoren mit leichten Rigs arbeiten, danach kopierten die Scripts automatisiert alle Attribute auf die schwereren RenderRigs und optimierten sie zeitgleich. So konnten die Artists mit leichten Dateien arbeiten, die sich schnell rendern ließen, aber dennoch viele Details enthielten. Zeitgleich verhinderte dieses Vorgehen viele potenzielle Probleme, die mit verschiedenen Dateireferenzierungen einhergehen.

Auf halber Produktionsstrecke stieß das Team auf einen verzwickten Bug, der die Renderings zum Absturz brachte und scheinbar zufällig auftrat. Ein Upgrade von Redshift auf der Renderfarm behob zwar das Problem, andere Produktionen aber benötigten die ältere Version, um sauber zu laufen. Das Pipeline-Team von Blue Zoo schaffte es, die Projekte zu trennen, sodass jede Produktion die passende Version von Redshift nutzen konnte. Damit sich das Projekt in einer sehr kurzen Zeit realisieren ließ, war eine solide, aber flexible Pipeline enorm wichtig.

Mehr Weihnachts-Stuff

Blue Zoo ist aktuell mit der Umsetzung eines weiteren festlichen Kurzfilms beschäftigt, der am Story-Ende von „More Stuff“ ansetzt, aber mit einem Twist daherkommt. Im Dezember möchte Blue Zoo den neuen Film veröffentlichen (bis Redaktionsschluss war der Film noch nicht online, einfach mal auf vimeo.com/bluezoo schauen).

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