Eine für alle? Die Ursa Mini 4,6K Pro von Blackmagic

Auf der NAB 2O17 hat die neue Version der Ursa Mini 4,6K Pro (kurz: UM Pro) eine Menge Aufmerksamkeit bekommen, Videomaker hat sie sogar als „Best camera of NAB“ ausgezeichnet. Aber was bedeutet das „Pro“ im Namen? Für wen ist die Neue jetzt professioneller als die Vorgängerin mit gleichem Sensor? Kann sie im Dokumentar- und Naturfilm oder gar im Reportagebereich zufriedenstellen?
Eine für alle? Die Ursa Mini 4,6K Pro von Blackmagic
Eine für alle? Die Ursa Mini 4,6K Pro von Blackmagic

Ich freue mich immer, wenn ein Hersteller Bewährtes verbessert, statt ständig neue und zu den Vorgängern inkompatible, oft auch noch unausgereifte Modelle auf den Markt zu werfen. Beim heutigen Stand der Technik sind noch mehr Pixel oder Dynamikumfang weniger wichtig als perfektes Handling, denn letztlich ist eine Kamera ein Werkzeug und kein Selbstzweck. Mit 4,6K und nativen 800 ISO konnte auch die bisherige Ursa Mini im Bereich szenischer Produktionen, also unter kontrollierten Lichtverhältnissen sehr gute Ergebnisse erbringen.
Damit war sie erfolgreicher als ihre glücklose Vorgängerin, die Ursa Major, die unauffällig aus dem Angebot verschwunden ist und mit ihr auch die angekündigten wechselbaren Sensoreinheiten, was deren Käufer sehr verärgern dürfte. Blackmagic (kurz: BM) bietet ihnen als Trostpflaster einen Sonderpreis für die Neue an. Anders als bei Upgrades von RED dürfen sie dabei sogar die Alte behalten – vermutlich endet jetzt eine Menge Schwermetall in der Bucht. Wer die Mini 4,6K schon hat, wird sich vielleicht auch ärgern, aber in dem Fall bekam man durchaus das, was versprochen wurde. Dass „Mark II“-Modelle deutlich verbessert werden, ist in der Kameratechnik normal – Käufer einer Sony A7R z.B. hatten da mehr Gründe zum Ärgern.
Da unser Test der Ursa Mini 4,6K erst in der DP 07:16 erschienen ist, werden wir hier in erster Linie auf die Neuigkeiten achten. Kostenloses .pdf zum Download hier: bit.ly/BMD_Ursa_Mini_2016. Seinerzeit hatten wir sie – etwas unfair – gegen eine Epic Dragon antreten lassen. Diesmal haben wir eine Scarlet MX danebengestellt. Die kommt mittlerweile in die Jahre, findet sich aber in minimaler, drehfertiger Ausstattung auf dem Gebrauchtmarkt allmählich in Preisregionen wie eine UM Pro mit dem nötigen Zubehör.

Ergonomie

Während die Form weitestgehend gleich geblieben ist, wurde die UM Pro geringfügig breiter und schwerer. Die optionalen Zubehörteile wie der hervorragende OLED-Sucher bzw. Schulterstütze und Griff bleiben die gleichen und sind weiterhin wesentlich günstiger als bei RED. Somit bleiben auch die Kritikpunkte: Der Griff ist für große Personen zu kurz und es ist auch etwas umständlich, seine Position zu justieren oder ihn zum schnellen Wechsel auf ein Stativ aus dem Weg zu bekommen. Außerdem würde man sich wünschen, dort ein paar zusätzliche Funktionen auf der Fernbedienung zu finden.

Das Menürad vorn steuert die Grundfunktionen beim Blick in den Sucher, ein zweiter Druck führt zu den Overlays.
Das Menürad vorn steuert die Grundfunktionen beim Blick in den Sucher, ein zweiter Druck führt zu den Overlays.

Andererseits ist es wesentlich teurer, der RED Scarlet eine nur annähernd ähnliche Schulterposition zu verpassen, und schwerer ist sie auch. Die UM Pro läuft mit einem 93 Wh V-Mount Akku bei aktivem LCD fast zwei Stunden, die Scarlet nur knapp anderthalb. Dabei macht die RED auch mehr Lärm und startet langsamer.
Die umfangreichsten Veränderungen zielen auf die Nutzung der UM Pro als Reportagekamera, oder „Run-and-Gun“, wie es die Amerikaner in ihrer martialischen Diktion ausdrücken. Alle für diesen Einsatzzweck wichtigen Funktionen wurden auf externe Schalter, Regler und Knöpfe gelegt, man kann nun ohne Weiteres mit eingeklapptem Display arbeiten. Der neue, externe Hauptschalter ist, anders als die meisten externen Schalter, nicht durch eine Hold-Taste gesichert, aber leicht versenkt. Die wichtigsten Informationen liefert ein monochromer LCD-Bildschirm auf der Außenseite, der selbst bei Tageslicht gut ablesbar ist, aber auch in mehreren Stufen beleuchtet werden kann.
Echte Schalter und Tasten sind einfach schneller als ein Ausklappmonitor mit Touch-Screen, der auf der Schulter sowieso am falschen Platz sitzt. Außerdem erhielt die Kamera endlich ND-Filter, die mit einem herkömmlichen Drehrad hinter dem Objektiv eingeschwenkt werden können. Selbst die Positionen der einschlägigen Bedienungs­elemente ähneln gängigen Schulterkameras aus dem Broadcast-Sektor. Wenn man die Kamera über Kopfhöhe einsetzt, kann der ausgeklappte Monitor jedoch einige Bedienungselemente verdecken.
Außerdem lässt er sich nicht ganz nach vorn drehen, sodass man im Einpersonenbetrieb bei eigenen Ansagen nicht den Bildausschnitt prüfen kann – also keine Selfies! In Planung ist noch die Fernsteuerung per Bluetooth von mobilen Geräten, eine feine Sache auf Kran oder Gimbal (bit.ly/BMD_Bluetooth).

Filter und Objektive

Auf der Frontseite findet sich der Drehknopf für den ND-Filter, der etwas irritierend mit den Zahlen 1 bis 4 beschriftet ist. Seitlich am Gehäuse steht aber die Erläuterung: Es handelt sich um einen klaren Filter sowie 2, 4 und 6 Blendenstufen an Abschwächung. Die Werte können im Monitor wahlweise auch als Bruchzahlen oder ND-Nummer angezeigt werden. Wir haben selbstverständlich gleich geprüft, ob es Probleme mit Infrarot gibt, für die viele Kameras von BM berüchtigt sind.

Objektivdaten werden mitgeschrieben und tauchen in Resolve auf...
Objektivdaten werden mitgeschrieben und tauchen in Resolve auf…
...aber ohne Justage stimmt die Entfernung oft nicht.
…aber ohne Justage stimmt die Entfernung oft nicht.

Da können wir Entwarnung geben: Selbst auf kritischen Textilien sind nur minimale Farbverschiebungen auszumachen, wie sie auch viele Filter anderer Hersteller aufweisen, soweit sie nicht zur absoluten Oberklasse gehören. Die gleichen Testobjekte führen z.B. auf einer BM-Pocket-Kamera zu massivem Farbstich durch IR.
Leider hat sich BM mit dem Filterrad derzeit ein anderes Problem eingehandelt: massive, farbige Flares bei einer kräftigen Lichtquelle wie der Sonne knapp außerhalb des Bildes. Der Grund ist aber vom Hersteller bereits identifiziert worden und soll durch eine nachrüstbare Maske in Kürze behoben werden. Unklar bleibt vorläufig, ob es dann Probleme geben wird mit dem angekündigten OLPF (Optical Low-Pass Filter) von Mosaic, der zu allen Ursa Minis passen soll. Einerseits könnte es mechanisch eng werden, außerdem soll auch dieser Filter IR reduzieren – das könnte etwas zu viel des Guten werden.
Ein solcher Antialiasing-Filter wäre aber nach wie vor hilfreich, denn die UM Pro unterscheidet sich in der Hinsicht nicht von der Vorgängerin. Sie ist schärfer als eine Scarlet bei 4K, diese produziert dagegen kein Moiré.

Die Objektivfassung ist nun austauschbar, hier für PL-Objektive.
Die Objektivfassung ist nun austauschbar, hier für PL-Objektive.

Was RED schon lange hat, bietet nun auch BM: wechselbare Objektivfassungen. Bisher für EF-Mount (Canon), PL und B4. Für letztere befindet sich regulär eine 12-polige Buchse an der Kamera, die bei der Vorgängerin nur optional war. Ein Nikon Mount mit eingebautem, feinfühligem Blendenring für die Objektive ohne manuelle Blendensteuerung wurde ebenfalls auf der NAB vorgestellt, kommt aber erst im August. Alles andere war schon kurz nach der Vorstellung lieferbar – ein Novum bei BM!
Unser Testgerät hatte den EF-Mount und wurde u.a. mit dem sehr guten Sigma 18-35mm benutzt. Objektive für Canon übertragen ihre Daten an die Kamera, die alle wichtigen Parameter in den Metadaten mitschreibt. Das Gleiche soll per Cooke /i auch bei PL-Objektiven möglich sein, was wir aber nicht getestet haben.
Daraus resultieren sehr interessante Möglichkeiten, wie die Kompensation von Objektivfehlern in Resolve oder die Weitergabe an die VFX-Abteilung für eine erleichterte Integration von CGI-Material. Die Daten für die Entfernungseinstellung sind allerdings nur korrekt, wenn eine sorgfältige Justage des Auflagemaßes erfolgt ist.

Auch eine Fernsteuerung per Bluetooth mit Tablet oder Smartphone ist angekündigt.
Auch eine Fernsteuerung per Bluetooth mit Tablet oder Smartphone ist angekündigt.

Das muss bei der UM Pro auf die übliche Weise mit Shims (dünnen Metallfolien) erfolgen, denn die bedienerfreundliche Lösung von RED mit nur einer Schraube gibt es hier nicht. Während intakte Objektive für PL diese Justage in der Regel nur einmal pro Kamera benötigen, muss man beim EF-Mount u.U. pro Objektiv korrigieren, denn leider sind hier die Fertigungstoleranzen recht groß. Außerdem hat BM der Fassung keinen zusätzlichen Klemmring wie bei RED gegönnt.

Die Unterlegsätze (Shims) des Herstellers sind für alle Objektivfassungen geeignet.
Die Unterlegsätze (Shims) des Herstellers sind für alle Objektivfassungen geeignet.

Wir konnten mit mehreren Canon-Objektiven deutliche Abweichungen der Entfernungsangabe trotz präziser Scharfstellung auf das gleiche Ziel feststellen. Auf einen E-Mount oder MFT dürften Altglasfans vergebens warten, denn der Mount hat dafür zu viel Abstand zum Sensor (außerdem lizenziert Sony den E-Mount nicht). Man muss also mit Objektiven vorlieb nehmen, die sich durch ein längeres Auflagemaß an EF adaptieren lassen, wie Zeiss Contax C/Y oder Nikon.

An den EF-Mount lassen sich Objektive für Zeiss Contax adaptieren.
An den EF-Mount lassen sich Objektive für Zeiss Contax adaptieren.
Der Ausklappmonitor kann den Regler für die Blende blockieren.
Der Ausklappmonitor kann den Regler für die Blende blockieren.

Autofokus, Belichtung und TV-Zooms

Der Autofokus der UM Pro ist nach wie vor wenig hilfreich und erfordert so viel Geduld, dass jeder erfahrene Kameramensch per Hand schneller ist. Heutzutage leisten selbst preisgünstige Broadcastkameras Besseres, bis hin zur Objektverfolgung. Immerhin wird das manuelle Fokussieren im Sucher durch die recht präzise und vielseitig einstellbare Kantenschärfung gut unterstützt. Man würde sich allenfalls noch wünschen, mehr als nur das Zweifache im Monitorbild zoomen zu können. Apropos Zoom: Damit parfokale Objektive auch dabei scharf bleiben, ist die Einstellung des Auflagemaßes ebenfalls unverzichtbar. Das Sigma war auf unserer Scarlet parfokal, auf der UM Pro ohne zusätzliches Shimming lief es beim Zoomen aus der Schärfe.
Die automatische Belichtung ist rudimentär, wie bei allen Kameras von BM: Ein Druck auf die seitliche Taste „Iris“ stellt die Blende so ein, dass keine Überbelichtung mehr vorkommt. Damit wird das Bild bei begrenzten Spitzlichtern u.U. zu dunkel, während ohne gewichtete Messung andere Motive zu hell eingestellt werden. Automatische Belichtung ist möglich, sowohl mit fester Belichtungszeit als auch mit fester Blende bei Anpassung der Belichtungszeit. Belichtungsprogramme wie ein Feintuning des ISO-Wertes bei konstanter Blende und Zeit kennt die UM Pro nicht. Bei etlichen filmenden Fotogeräten und vielen Reportage-Camcordern sind komplexere Belichtungsprogramme mit Bereichsvorgaben und gewichteter Messung heute Standard. Die manuelle Steuerung all dieser Parameter ist dagegen gut gelöst: Seitliche Kipptaster steuern ISO, Verschluss und Farbtemperatur. Die Blendensteuerung erfolgt über seitliche Tasten oder ein Multifunktionsrad, das auch zur Lautstärkeregelung von Kopfhörer und Mini-Lautsprecher dienen kann. Es arbeitet jedoch in festen Stufen und kann bei tiefen Kamerapositionen vom LCD blockiert werden.

Die Scarlet MX zeigt bei tiefer Nacht ein ausgeprägtes, aber homogenes Farbrauschen.
Die Scarlet MX zeigt bei tiefer Nacht ein ausgeprägtes, aber homogenes Farbrauschen.
Das Rauschen der UM Pro ist feiner, nur beim „Pixel Peeping“ zeigen sich leichte Vertikalstrukturen (FPN).
Das Rauschen der UM Pro ist feiner, nur beim „Pixel Peeping“ zeigen sich leichte Vertikalstrukturen (FPN).

Professionelle Zoomobjektive aus dem TV-Sektor mit B4-Mount finden sich zuhauf auch auf dem Gebrauchtmarkt. Aber Vorsicht: Viele stammen noch aus der Ära von niedrig aufgelöstem TV und sind modernen Sensoren in der Schärfe nicht gewachsen. Box-Objektive von Studiokameras scheinen – im Gegensatz zu denen von Reportagekameras – nicht immer elektrisch kompatibel zu sein.
Außerdem können manche Zooms für 2/3-Zoll Chips das Bildfeld der UM Pro zumindest im Weitwinkel nicht ganz ausleuchten. Die meisten Fuji HD HA/XA Objektive dagegen schaffen sogar das etwas größere 2K-Fenster. Selbstverständlich funktionieren alle diese Objektive nur im Window-Modus des S-35 Sensors. Das führt zu einem weiteren Handicap: Man kann mit TV-Zooms nur in HDTV arbeiten. Zwar erfolgt die Produktion fürs Fernsehen hierzulande bestimmt noch lange in diesem Format, aber manche Auftraggeber werden aus Gründen der Zukunftssicherheit 4K verlangen. S-35 Zooms für die volle Sensorfläche dagegen sind deutlich schwerer, größer und weniger lichtstark, auch wenn deren Preise in letzter Zeit unter Druck geraten sind.

Die Ursa Mini 4,6K Pro bietet recht ansprechende Farben mit einer leichten Tendenz zu rötlichen Hauttönen.
Die Ursa Mini 4,6K Pro bietet recht ansprechende Farben mit einer leichten Tendenz zu rötlichen Hauttönen.
Die Scarlet MX erbringt mit der aktuellen „Color Science“ sehr ausgewogene Resultate.
Die Scarlet MX erbringt mit der aktuellen „Color Science“ sehr ausgewogene Resultate.

Sensor und Bildqualität

Der Chip ist identisch mit dem der Ursa Mini 4,6K. Wegen der verbreiteten Kritik an der Bildqualität, die oft eher auf Vorurteilen oder – in Anbetracht der Preisklasse – auf überzogenen Erwartungen beruhte, haben wir noch einmal genau hingeschaut. Das Rauschverhalten ist im Vergleich zur Scarlet MX nicht wesentlich schlechter, nur anders. Ja, es gibt tatsächlich einen gewissen Anteil an FPN (Fixed Pattern Noise) auch nach einer Rekalibrierung, die man nun im Menü gezielt aufrufen kann. Dazu sollte die Kamera vorher auf Betriebstemperatur gebracht werden. Wir mussten zur visuellen Analyse des Rauschens die dunklen Bildteile in Resolve so extrem verstärken, wie man es bei professioneller Arbeit niemals tun sollte.
Wir haben das Bildrauschen bei kühler Kamera, nach dem Warmlaufen und nach dem Kalibrieren getestet. In Resolve stellten wir die Raw-Dekodierung für beide auf Rec. 709. Um das Rauschen in den sichtbaren Bereich zu holen, wurde der Wert für „Offset“ auf 90 (!) gesetzt. Die UM Pro kam dann gerade auf Mittelgrau, die Scarlet lag leicht darüber. Während die Scarlet bei Betriebstemperatur etwas weniger Rauschen zeigte, stieg es bei der UM Pro erst einmal an. Die Scarlet zeigte dann 7-8 fehlerhafte Pixel, einen davon sehr auffällig nahe der Bildmitte, sowie ganz leichte horizontale Strukturen. Die UM Pro zeigte keine auffälligen Fehlpixel, aber etwas deutlichere vertikale Strukturen, insbesondere im Blau. Die Kalibrierung der Scarlet dauerte über 13 Minuten, die Ergebnisse können jedoch für verschiedene Temperaturen und Belichtungszeiten gespeichert werden. Die der UM Pro dauerte wenige Sekunden. Danach zeigte die Scarlet nur noch ein sehr weiches, farbiges Rauschen, das aber – vermutlich durch die Kompression – recht grobkörnig wirkt. Es gab jedoch dank der aufwendigen Kalibrierung keine festen Strukturen oder tote Pixel. Die UM Pro verbesserte sich leicht und zeigte immer noch ein paar konstante vertikale Strukturen im Blau, aber insgesamt ein feinkörnigeres Bild. All dies wird nur sichtbar, wenn man die Schatten in Resolve extrem aufhellt, wir sahen bei normalen Bildern keinen FPN auf der UM Pro. Insgesamt ist das Rauschniveau der Scarlet sogar etwas höher, aber homogener. Im Rauschen der UM Pro sind leichte Spitzen durch FPN über einem ansonsten niedrigeren Grundrauschen zu erkennen.
Die frühere Software der Ursa Mini 4,6K wies außerdem bei Skalierung ein Problem auf, das zu einer treffend als „Fliegengitter“ benannten Feinstruktur führte. Dieses Phänomen scheint BM beim De-Bayering oder durch bessere Kalibrierung in den Griff bekommen zu haben, jedenfalls konnten wir es mit dem Testgerät nicht mehr reproduzieren.
Rauschen lässt sich mit einem guten, temporalen Rauschfilter wie Neatvideo noch erheblich vermindern, aber schon eine Skalierung von 4K auf HD reduziert es merklich. Trotzdem sind beide Kameras keine Nachteulen wie die Sony A7S(II). Wer mehr Lichtempfindlichkeit braucht, sollte zur Alexa oder den neueren Kameras von RED greifen. Wenn man die Farben von Sony mag, bekommt man dort für weniger Geld auch hochempfindliche Sensoren, aber schlimmere Menüs. Die sind nämlich seit der Firmware 4 bei BM vorbildlich und sehr intuitiv, nur die Steuerung direkt im Sucher durch das Menürad ist etwas erklärungsbedürftig.
Die Farben der UM Pro sind recht gut, insbesondere im Bereich der Hauttöne. Es gibt eine leichte Tendenz zum Rot hin, Gelb fällt etwas zu warm aus, Blau dagegen deutlich zu grün. Während Cyan und Rot hohe Sättigung erreichen, sind Magenta und Grün etwas schwächlich. In der Nähe des Clippings zeigt der Bereich zwischen Blau und Cyan ein deutliches Überschießen, doch ohne wie bei Sony zu entgleisen. Die Scarlet MX bringt – nachdem RED jahrelang an der Farbwiedergabe gefeilt hat – heute sehr ausgewogene Farben. Die Hauttöne liegen sehr eng an der Norm, Gelb ist eine Spur zu grün, Cyan ein wenig zu blau. Selbst Magenta und Grün treffen fast ihre Targets und das Überschießen ist geringer. Bei den Farben hat trotz ihres schlechten Rufs die Scarlet die Nase vorn, aber beide Kameras sollten im Grading gut in den Griff zu bekommen sein.
Neben dem bereits erwähnten „Rainbow-Flare“ sagt man den Ursa Kameras immer wieder eine Neigung zu Magenta an den Bildseiten bei kleinen Blendenöffnungen nach. Wir haben ein Dutzend Objektive bei mehreren Blendenstufen daraufhin geprüft. In der Tat zeigen manche Objektive eine Neigung zu Purpur an den Seiten bzw. zu Grün in der Mitte, wenn man die Seiten neutral hält. Um dies festzustellen, mussten wir aber eine völlig homogene Weißfläche aufnehmen und die Farbsättigung in Re­solve bis zum Anschlag hochdrehen – bei der Einstellung sähe jede andere Szene wie ein Videoclip der Siebziger aus. Der Effekt fällt also, ähnlich wie der berüchtigte FPN, eher unter die Rubrik „Pixel Peeping“.
Wenn diese leichte Verfärbung denn überhaupt einmal bei normalen Szenen störend auffallen sollte, ließe sich das mit einem weißen Referenzbild und einem angepassten, runden „Power Window“ in Resolve leicht beheben und für das betroffene Objektiv pauschal korrigieren. In unseren Tests war der Effekt fast zentriert, manche Anwender berichten zwar von einem asymmetrischen Farbstich, aber der könnte auf dezentrierten Objekten beruhen.
Übrigens findet man vergleichbare Probleme auch bei manchen digitalen Fotokameras, darunter sogar Exemplare der „Mercedes“-Klasse. Das Problem lässt sich auf Randstrahlen zurückführen, die nicht ganz senkrecht auf den Bayer-Sensor treffen. Die neuen ND-Filter helfen dabei, nicht unbedingt auf derart kleine Blenderöffnungen zu gehen, solange die Tiefenschärfe ausreicht.

Formate und Auflösung

Mit 4,6K an Photozellen kann eine Kamera mit Bayer-Pattern bei gutem De-Bayering eine Luminanzauflösung von etwa 4K erreichen. Die UM Pro bietet sogar die Möglichkeit, die volle Menge an Informationen aufzuzeichnen und erst in der Postproduktion auf das gewünschte Vorführformat zu skalieren. Das bietet ein paar Reserven bei Stabilisierung oder Beschnitt, ohne dass das Bild gleich merklich unschärfer wird.
Ansonsten kann aber auch gleich in 4K DCI oder in UHD aufgenommen werden. Intern kann die UM Pro auch bei voller Sensorauflösung gleich auf ein Zielformat von 2K DCI oder auf HDTV skalieren, solange die Bildfrequenz 60 fps nicht übersteigt. Höhere Bildraten bis 120 fps sind nur in 2K oder HDTV möglich, indem man auf einen kleineren Bildausschnitt umschaltet (Windowing). Die Scarlet MX schafft bei 25 fps nur noch 4K und liefert weniger Auflösung, doch dazu trägt auch der gute OLPF bei (s. oben). Sie kann zudem ohne wesentlichen Verlust an Auflösung keine annähernd vergleichbaren Zeitlupen generieren.
Gemeinsam ist beiden Kameras, dass man keine echten Interlace-Aufnahmen für HDTV machen kann, nur bei der UM Pro könnte man stattdessen 50 fps aufnehmen und per Software in der Post zu 50i wandeln.
Die von der Projekteinstellung abweichenden Bildfrequenzen kann man im Menü oder Touch-Screen voreinstellen und dann mit der Taste „HFR“ schnell abrufen, aber nicht bei laufender Aufnahme. Dass HFR vermutlich für „High Frame Rate“ steht, ist etwas irreführend, denn man kann hier auch den Zeitraffer mit 12 fps abrufen. Leider kann die Taste nicht zum Umschalten auf 120 fps dienen, wenn man bei Normalgeschwindigkeit die volle Sensorfläche nutzt. Es wäre wünschenswert, wenn sich diese Umschaltung zumindest auf eine der Funktionstasten legen ließe, sodass ohne Umweg ins Menü schnell eine kräftige Zeitlupe verfügbar wäre.

Die Verschiebung von Grün im Zentrum und Magenta zu den Seiten hin wird nur bei hoher Sättigung erkennbar.
Die Verschiebung von Grün im Zentrum und Magenta zu den Seiten hin wird nur bei hoher Sättigung erkennbar.

Die Taste „Still“ erlaubt die Aufnahme von Fotos mit der augenblicklich aktiven Einstellung. Sie werden im unkomprimierten .dng-Format in einem separaten Ordner auf der Karte abgelegt. Derzeit lässt sich die Anzeige der Belichtungszeit noch nicht vom Öffnungswinkel auf Sekundenbruchteile umschalten, der Menüeintrag ist inaktiv. Das ist für Fotografen sicher etwas irritierend. Die Belichtungszeiten reichen je nach Bildgröße von 1/12 Sekunde (360 Grad bei 12 fps) bis 1/2000 bei voller Auflösung oder 1/4000 in HD-Auflösung (11,25 Grad bei 120 fps). Auch bei Zeitrafferaufnahmen mit längeren Abständen ist keine Langzeitbelichtung unter 1/12 verfügbar.
Neben unkomprimiertem RAW und Kompressionsfaktoren von 3:1 und 4:1 stehen sämtliche Versionen des ProRes-Codecs zur Verfügung. Dabei nimmt man zwar Rücksicht auf PC-User mit der Formatierung der Medien in exFAT oder HFS+, aber nicht auf die Tatsache, dass ProRes zur Decodierung QuickTime benötigt. Das wird auf Windows offiziell nicht mehr unterstützt, und wenn man es trotzdem installiert, ist ProRes 4444 XQ nicht dabei (für XQ hat David Torcivia eine Lösung gefunden: davidtorcivia.com/decoding-proresxq-on-windows). Wünschenswert wäre trotzdem Avids DNxHD/HR als alternativer Codec, wie ihn der Video Assist aus eigenem Hause ja schon beherrscht, der soll aber in Kürze per Firmware-Update kommen.

Audio und TC

Wenn man einen Kopfhörer anschließt und nur die internen Mikrofone aufdreht, hört man einen Ozean und erschrickt. Aber im Hinblick auf die Eingangsverstärker hat sich viel getan, die sind inzwischen auf einem akzeptablen Niveau (etwa wie die im Video Assist). Das hört man aber nur, wenn per XLR externe Mikrofone angeschlossen werden (ggf. auch mit Phantomspeisung). Die können dann im Dokumentarbereich schon ausreichen, wenn es nicht gerade Modelle mit sehr niedrigem Pegel sind. Bei Spielfilmen sollte trotzdem ein Tonmensch mit Geräten wie denen von Sound Devices an Bord sein, denn deren Niveau erreicht die Kamera nicht.
Lästig ist zudem, dass der Ton im Kopfhörer eine erhebliche Latenz aufweist – geschlossene Kopfhörer sind Pflicht, um das zu ertragen. Bei höheren Bildfrequenzen verringert sich diese Latenz erstaunlicherweise. Die Betätigung von Tasten am Gehäuse macht leider bei aufgesetztem Mikrofon ziemlich deutliche Knackgeräusche, hier wäre ein dezenteres Feedback angebracht gewesen. Auf der NAB hat BM aber eine entkoppelte Mikrofonaufhängung vorgestellt, die in wenigen Monaten verfügbar werden soll. Sie ist gut durchdacht und lässt sich auf dem Handgriff oder an dessen Stelle montieren, aber ohne Sucher auch vorn unter dem Griff anbringen.

Die Toneingänge bieten professionelle Möglichkeiten, inklusive digitaler Signale.
Die Toneingänge bieten professionelle Möglichkeiten, inklusive digitaler Signale.

Die Drehregler für den Pegel sind leider rein elektronisch ohne Endanschläge, sodass man mit dem Auge am Sucher kein taktiles Feedback hat. Derzeit sind zwei Kanäle aktiv, zwei weitere sollen per Firmware hinzukommen. Neben Mikro und Line kann die Audiosektion mit digitalen AES-Signalen umgehen. Ein Limiter fehlt der UM Pro, das kann im Reportagebetrieb ohne Assistenz ein massives Handicap sein. Die Kamera besitzt einen Timecode-Eingang, aber keinen Ausgang. Für den Multikamerabetrieb braucht man also einen zentralen Takt – selbstverständlich arbeitet sie perfekt mit dem ATEM-Mischpult von BM zusammen. Man kann sie auch mit Jam-Sync synchron starten. BM gibt an, dass sie einen hochpräzisen Taktgeber habe, das haben wir aber nicht geprüft. Die seitliche Taste „TC“ schaltet zwischen reiner Laufzeitangabe und Free-Run (Time of Day) um. Es gibt keine weiteren Optionen wie manuelles Setzen des Startwerts oder „Regen“.

In Kürze soll dieser neue Monitor die Ursa Mini noch zur vollwertigen Studiokamera aufwerten.
In Kürze soll dieser neue Monitor die Ursa Mini noch zur vollwertigen Studiokamera aufwerten.

Speichermedien

Anders als ihre Vorgängerin bietet die UM Pro neben den beiden Slots für CF-Karten auch zwei für schnelle SD-Karten. Merkwürdigerweise müssen letztere genau anders herum eingesetzt werden – mit dem Etikett nach hinten – was im hektischen Drehalltag zu Irritationen führt. Trotzdem ist das ein feines Zugeständnis an den Dokumentareinsatz, denn zusätzliche Medien wird man fast überall auftreiben können. Außerdem sind CF-Karten nach wie vor recht teuer.
Die beiden Slots lassen sich jeweils für den fortlaufenden Betrieb nutzen, sodass sehr lange Aufzeichnungen möglich sind, oder für die Aufnahme hoher Bildfrequenzen durch Splitting bei RAW. Das funktionierte im Test sogar mit schnellen SDXC-Karten der Klasse 10/U3, die bei 25 fps bis RAW 3:1 mithalten – da können nur wir Europäer Geld sparen, denn bei 30 fps schafften sie RAW nicht mehr, auch nicht in RAW 4:1. Das Zusammenführen geteilter Aufnahmen erledigt das Clone Tool in Resolve automatisch.
Bei ProRes dagegen ist Splitting nicht möglich, sodass hohe Auflösungen und Bildfrequenzen über 30 fps nur auf CF-Karten funktionieren. Im Menü lässt sich einstellen, ob die Kamera bei zu geringer Geschwindigkeit abbricht oder nur warnt. Im deutschen Teil des Handbuchs dazu: „Prüfen Sie, wenn Bilder fallen gelassen werden, ob Ihre Karte auf unserer Liste empfohlener Medien steht und ob sie für die benutzte Framegröße geeignet ist.“ Das Handbuch enthält noch weitere Stilblüten wie: Ab 60 fps wird „gefenstert“ oder „highendige Präzisionsfilmobjektive“. Es ist aber ansonsten meist in verständlichem Deutsch geschrieben, abgesehen von diesem Satz: „Auf der URSA Mini Pro 4.6K schließt sich das Kamera-Dashboard, wenn es länger als eine Minute inaktiv ist und kehrt dann zum Head-up-Display zurück.“ Sehr seltsam ist diese Aussage: „Für 4K RAW bis zu 30 fps werden folgende CFast-2.0-Karten empfohlen, die jedoch nicht länger hergestellt werden.“ Wie bitte?
Leider gibt es bisher keine Möglichkeit, als Backup auf zwei Karten parallel aufzunehmen oder RAW auf einer Karte und Proxies für den Schnitt auf einer anderen zu speichern. Für eine Firma, die sich auch in der Postproduktion auskennt, ist diese Lücke verwunderlich. Vielleicht möchte man ja den Video Assist verkaufen? Der lässt sich zwar von der Kamera aus starten, wird aber – anders als der Atomos Shogun an einer RED – nicht mit identischen Dateinamen versorgt. Eine Proxy-Aufnahme mit der Bezeichnung „Capture“ und einer Nummer scheint beim Offline-Schnitt mit völlig anderen Dateinamen der Kamera weniger hilfreich.
Resolve kann allerdings damit umgehen: Solange der Timecode übereinstimmt, erlaubt es die Offline-Online-Bearbeitung. Externe Recorder braucht man bisher noch, wenn man LUTs nicht nur im Preview sehen, sondern als Endprodukt aufzeichnen möchte, um sofort eine finale Version ohne Color Grading zu bekommen. Blackmagic hat für den Sommer 2017 noch einen externen Recorder mit SSD angekündigt, aber dazu konnten wir noch keine Details erfahren.

Kommentar

Ist die Ursa Mini jetzt auch noch eine vollwertige Reportagekamera? Nicht ganz: Sie startet etwas zu langsam, hat keinen brauchbaren Autofokus, raffinierte Belichtungsprogramme oder einen Audio-Limiter. Sie ist auch keine Low-Light-Queen und kann mit lichtstarken Broadcast-Zooms nicht in 4K aufzeichnen. Trotzdem ist sie derzeit die vielseitigste Kamera, die man unter 10.000 Euro in Vollausstattung erhalten kann.
Sie ist ideal für Anwender, die einen möglichst breiten Kundenkreis mit szenischen Produktionen, Event, Studio und einigermaßen planbaren Dokumentationen versorgen wollen. Bei Naturaufnahmen z.B. kann sie mit S-35 Objektiven exzellenten Dynamikumfang und feinste Details liefern. Schnelle News oder Sport unter kritischen Lichtverhältnissen sind nicht ihre Domäne.

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